
Psychologische Sicherheit und produktive Spannung
Reibung in Teams führt zu besseren Ergebnissen
Die Aussage in unserer Headline wirkt zunächst kontraintuitiv, aber genau deshalb ist sie so wertvoll. Denn: Reibung ist Energie.
Sie ist nicht nur ein persönlicher Konflikt oder eine Eskalation, sondern durchaus auch eine produktive Spannung zwischen unterschiedlichen Perspektiven. Und dieser Fakt wird oft übersehen.
In vielen Organisationen ist psychologische Sicherheit zu Recht ein zentrales Ziel geworden.
Sie beschreibt – in der Forschung von Amy Edmondson – ein Klima, in dem Menschen ohne Angst vor negativen Konsequenzen sprechen, fragen, Fehler zugeben und widersprechen können.
Doch dabei wird ein entscheidender Schritt gedanklich häufig ausgelassen: Psychologische Sicherheit ist nicht das Ziel von Zusammenarbeit. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass anspruchsvolle Zusammenarbeit überhaupt möglich wird.
Folglich bedeutet das für uns:
- Sicherheit ermöglicht Reibung.
- Reibung ermöglicht Qualität.
Wir gucken uns heute etwas genauer an, wie Spannung im Team funktioniert und wie Teams unterschiedliche Ergebnisse erzielen – je nachdem, wie sie an Prozesse rangehen.
Liebe Grüße,
dein Volker
Das passiert
So reagiert unser Gehirn auf Reibung
Der Denkfehler, der im Team (inklusive Führungskraft) häufig vorliegt, ist: Einigkeit = Qualität. Ein weit verbreitetes Muster, wie wir es in diversen Team schon erlebt haben, lautet: „Wenn wir uns schnell einig sind, haben wir gut gearbeitet.“
Klar:
- Das fühlt sich effizient an.
- Es reduziert Unsicherheit.
- Es gibt ein Gefühl von Klarheit.
Doch aus Sicht der Entscheidungs- und Organisationsforschung ist genau das problematisch. Einigkeit bedeutet häufig nicht, dass eine Entscheidung gut ist, sondern lediglich, dass sie nicht ausreichend hinterfragt wurde.
Denn:
- Gegenargumente fehlen
- Alternativen wurden nicht durchdacht
- Risiken bleiben unterbelichtet
Es stellt sich hier die Frage, warum unser Gehirn Reibung vermeidet.
Die Antwort: Die Ursache liegt nicht im Team, sondern im Menschen.
Unser Gehirn ist darauf ausgerichtet:
- Konsistenz herzustellen
- Unsicherheit zu reduzieren
- Energie zu sparen
Das hat bereits Daniel Kaneman in seinen Studien herausgefunden und in seinem Bestseller „Schnelles Denken – langsames Denken“ beschrieben.
So funktioniert es
Reibung sinnvoll nutzen
Aus kognitionspsychologischer Sicht ist genau diese kreativ-konstruktive Spannung in wertschätzendem Surrounding hochwertig und wichtig.
Sie zwingt uns:
- Annahmen zu überprüfen
- Argumente zu präzisieren
- Implizite Überzeugungen sichtbar zu machen
Und die Forschung zu Teamleistung zeigt uns konsistent sowie zweifelsfrei:
- Kognitive Vielfalt erhöht die Qualität von Entscheidungen.
- Unterschiedliche Perspektiven fördern Innovation.
- Moderate Aufgabenunsicherheit steigert kreative Problemlösung.
Entscheidend ist dabei nicht die Existenz von Unterschiedlichkeit, sondern der Umgang damit.
Reibung braucht also einen sicheren Rahmen im Sinne der psychologischen Sicherheit:
- Ohne Sicherheit wird Reibung als Angriff erlebt.
- Mit Sicherheit wird Reibung als Beitrag verstanden.
- Sicherheit ohne Reibung führt zu Komfort.
- Reibung ohne Sicherheit führt zu Konflikten
- Sicherheit + Reibung führt zu Leistung.
Reflexion
Frage dich …
Beobachte dein nächstes Meeting:
- Wo entsteht Spannung?
- Wie schnell wird sie aufgelöst?
- Wer bringt aktiv Gegenpositionen ein?
- Und wie wird darauf reagiert?
Wann hast du zuletzt bewusst widersprochen, obwohl es einfacher gewesen wäre zuzustimmen? (Vielleicht ist genau dieser Moment kein Risiko, sondern der Beginn von Qualität.)